Der Kampf eines alten Mannes

Foto: Rainer Köhler
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Ernest Hemingway: „Der alte Mann und das Meer“.

Der Rowohlt-Verlag brachte im Jahr 2012 Ernest Hemingways Novelle „Der alte Mann und Meer“ in neuer Ausgabe und neuer Übersetzung heraus. Die 1952 erstmals erschienene Novelle war Hemingways letztes Buch, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Es war nach der überwiegenden Meinung der Literaturkritik nicht nur eines seiner besten Werke, sondern auch eines seiner erfolgreichsten. Schon zwei Tage nach dem Erscheinen in „Life“ bescherte es dem amerikanischen Magazin mit 5,2 Millionen verkauften Heften einen neuen Auflagenrekord. 1953 und 1954 folgten mit dem Pulitzer-Preis und dem Nobelpreis für Literatur zwei der begehrtesten Literaturauszeichnungen.

Das 160 Seiten dünne Büchlein der Rowohlt-Neuausgabe hat also schon in der Vergangenheit für Furore gesorgt und gehört auch heute noch zu den bekanntesten Werken des 20. Jahrhunderts.

Zum Inhalt

Gleich zu Beginn der Novelle erfährt der Leser, dass der alte kubanische Fischer Santiago seit 84 Tagen „salao“ (glücklos) ist. Deshalb ist auch sein junger Freund Manolin schon seit 44 Tagen nicht mehr an Bord, den seine Eltern vom Boot genommen haben. Manolin hält aber zu Santiago und hilft ihm bei den Vorbereitungen zur nächsten Ausfahrt. Und der 85. Tag wird tatsächlich ein ganz besonderer für Santiago. An diesem Tag schwimmt er mit seinem kleinen Fischerboot, dessen Segel mit Mehlsäcken geflickt ist und „eingerollt (…) wie die Flagge einer unabänderlichen Niederlage [aussieht]“, weiter hinaus auf das Meer als die anderen Boote. Er folgt der Spur eines Fregattvogels, der ihn auf den richtigen Weg bringt. Und tatsächlich beißt um die Mittagszeit ein großer Fisch an. Das merkt Santiago schon am zögerlichen Beißverhalten. Neugierig geworden, mit wem er es da zu tun hat, ist ihm klar, dass jetzt ein unerbittlicher Zweikampf beginnt: „Jetzt sind wir miteinander verbunden (…) Und niemand kann uns helfen, weder mir noch ihm.“

Das wird auch dem Leser immer klarer, denn am zweiten Tag verletzt sich Santiago nach einem ersten ruckartigen Fluchtversuch des Fisches an seiner rechten Hand. Und nach einer weiteren Attacke in der darauffolgenden Nacht, droht auch seine linke Hand auszufallen.

Als der Fisch mit wilden Sprüngen aus dem Meer das Gefecht eröffnet und „die davonrasende Leine“ Santiagos Hände vollends zerschneidet, beginnt am dritten Tag schließlich das Finale im Kampf zwischen Mensch und Kreatur. Jetzt weiß Santiago auch, dass er es mit einem Blue Marlin von unvorstellbarer Größe zu tun hat: „Er sah ihn zuerst als dunklen Schatten, der so lange brauchte, unter dem Boot durchzuschwimmen, dass er es gar nicht glauben konnte.“ Und so beschwört Santiago seine letzten Kräfte und bezwingt am Ende den riesigen Fisch: „Zieht, Hände, dachte er. Haltet durch, Beine. Bleib klar, Kopf.“ Doch kurz nach der Freude über den Fang beginnt das Drama. Denn mit dem Blut, das aus der harpunierten Wunde austritt, tauchen Haie auf und fressen den am Boot vertäuten Marlin fast vollständig auf. Auch wenn sich Santiago mit allem zur Wehr setzt, was ihm zur Verfügung steht – er verliert schon beim ersten Hai die Harpune, dann bricht ihm bei einem weiteren sein Messer ab und am Ende bleiben ihm nur noch ein Knüppel und die Ruderpinne –, weiß er, dass er auf verlorenem Posten kämpft: „Der alte Mann war jetzt ganz klar im Kopf und voller Entschlossenheit, aber ohne viel Hoffnung.“ Und als er am nächsten Morgen, nach drei Tagen und drei Nächten Kampf am Ufer anlegt, bleiben vom Marlin nur der Kopf und die riesige Schwanzflosse übrig.

Metapher für den Kampf mit der Natur

Hemingway schafft mit „Der alte Mann und das Meer“ eine Metapher für den ungleichen Kampf des Menschen mit der Natur. Zwar gelingt es seinem Helden Santiago die einzelne Kreatur, den riesigen Blue Marlin, zu bezwingen, aber damit beginnt auch seine größte Niederlage. Denn in fast biblischer Dimension tauchen jetzt – um „Mitternacht“ – „Schaufelnasenhaie“ wie böse Geister aus der Unterwelt auf („von üblem Geruch, Aasfresser und Mörder“) und besiegeln seine Niederlage.

Cover-Foto: Rowohlt
Bibliografie:
Verlag: Rowohlt
Erscheinungstermin: 21.09.2012
Lieferbar
160 Seiten
ISBN: 978-3-498-03020-9
übersetzt von: Werner Schmitz
18,95 €
Auch als TB und E-Book
Cover-Foto: © Rowohlt
Der Erfolg des Buches

Der Fischer Santiago ist ein Sinnbild für den existenzialistischen Kampf mit der Natur geworden. Dafür entwickelte Hemingway den perfekten Rahmen. Santiago lebt in ärmsten Verhältnissen, wohnt in einer einfachen, primitiven Hütte und fischt nur mit Leine und Haken. Allein diese Konstellation verleiht der Novelle bereits die unheimliche, intensive Kraft, die fast jeden Leser in ihren Bann ziehen dürfte. Hinzu kommt die klare und reduzierte Sprache Hemingways. Hier ist nicht ein Wort zu viel an Beschreibung oder Dialog und so leidet und fühlt der Leser unmittelbar mit dem Helden. Entscheidend ist aber auch die meisterliche psychologische Darstellung Santiagos – die Schilderung des wachsenden Respekts und der Ehrfurcht, die er dem Marlin entgegenbringt: „Dann bekam er allmählich Mitleid mit dem großen Fisch, den er am Haken hatte.“ Die Bewunderung geht schließlich sogar soweit, dass er den Marlin als seinen „Bruder“ bezeichnet und sich die ethische Frage stellt, ob er überhaupt das Recht habe ihn zu töten. „Wenn es nach der Art seines Betragens und seiner grandiosen Würde geht, ist niemand es wert, ihn zu essen.“ Und nachdem der erste Hai einen riesigen Bissen aus dem Leib des Marlins gerissen hat, „wollte [er] den Fisch nicht mehr sehen“. Aber auch der Kampf mit sich selbst, um die letzten Kräfte freisetzen zu können, ist meisterlich geschildert – seine Selbstgespräche, um seine Schmerzen zu überwinden („,Also los, Hand. Bitte mach mit.‘“) und die Erinnerungen, die ihm Kraft geben sollen. Beispielsweise wie er einen schwarzen Hünen aus Cienfuegos im Armdrücken besiegte oder die Gedanken an sein Idol Joe DiMaggio.

Am Ende der Novelle liegt Santiago zwar zerschlagen und müde in seiner Hütte und äußert Manolin gegenüber sein Gefühl, dass etwas in seiner Brust kaputtgegangen sei. Als er aber wieder eingeschlafen ist, träumt er von Löwen. Sinnbild für die Kraft und Majestät der Natur. Ein versöhnliches und zuversichtliches Ende, trotz der Niederlage. Zu diesem Eindruck trägt auch sein junger Freund Manolin bei, der ihm die Treue hält und für die Zukunft Gutes erwarten lässt. Für mich steht fest: „Der alte Mann und das Meer“ ist ein Meisterwerk, das man gelesen haben sollte.

Zum Buch

Ob das in der neuen Rowohlt-Übersetzung von Werner Schmitz sein muss oder in der vorausgegangenen Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst (die ebenfalls für den Rowohlt-Verlag übersetzte), kann ich nicht abschließend beurteilen. Ich finde beide Übertragungen in Ordnung. In jedem Fall ist die Buchgestaltung sehr gelungen, und fügt sich auch optisch gut in die mit Lesebändchen und wiedererkennbaren Umschlägen gestaltete neue Reihe der Neuübersetzungen Hemingways im Rowohlt Verlag ein („Paris, ein Fest fürs Leben“, 2012; „Fiesta“, 2013 und „Schnee auf dem Kilimandscharo“, 2015).

Autor und Vorlage

In dem Buch dürfte übrigens auch ganz viel Hemingway selbst stecken, der nicht nur Großwildjäger, sondern auch passionierter Hochseefischer war. Ein großer Anteil an der Story wird außerdem seinem Bootsmann Gregorio Fuentes zugeschrieben.


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2 Kommentare zu Der Kampf eines alten Mannes

  1. Auch eines meiner Lieblingsbücher: Mensch kämpft gegen Natur, wobei dieser Kampf am Ende doch zum Einklang führt und die tatsächliche Bedrohung unerwartet von ganz woanders her kommt.

    Ein wunderbares Sinnbild und eine ebensolche Buch-Zusammenfassung.

    1. Ist Santiago nicht wie Sisyphos? Macht ihn das nicht so weise? Amor fati. Er nimmt den Kampf an!
      Danke für Kommentar und Kompliment!

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