Die Welt im Jahr der Reformation

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(Heinz Schilling: „1517 – Weltgeschichte eines Jahres“, Verlag C.H.Beck: München, 2017.)

500 Jahre Reformationsgeschichte liegen hinter uns. Martin Luthers Thesenanschlag in der Schlosskirche zu Wittenberg veränderte die Welt auf einen Schlag und leitete die Neuzeit ein. Das zumindest war noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die herrschende Meinung in der westlichen und vor allem der protestantisch geprägten Geschichtsschreibung, für die zum Beispiel Adolf von Harnack stand. Doch inzwischen ist das eurozentrische Geschichtsbild einer umfassenderen Sichtweise gewichen. Wie wir inzwischen wissen, haben auch andere Hochkulturen wesentliche „Impulse“ zur Neuzeit beigesteuert, wie Heinz Schilling in „1517 – Weltgeschichte eines Jahres“ anmerkt. Der emeritierte Professor für die Europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität zu Berlin und bekannte Luther Biograph versucht in seinem Buch daher „,das Epochenjahr 1517‘ in einem weiten, ‚globalen Verständnis‘ von Weltgeschichte neu [zu] vermessen“. Aber nicht nur der Bedeutung des Osmanischen Reiches, Chinas und den gerade erst entdeckten Hochkulturen Amerikas schenkt Schilling in seinem Werk Interesse. Er untersucht auch die Wirkung der wiederentdeckten Alten Welt (Renaissance), der neuen Wissenschaften (deren Aufschwung mit den Entdeckungen der spanischen und portugiesischen Seefahrer einhergingen), der sozialen, politischen und ökonomischen Gegebenheiten, des Glaubens und von Papst Leo X. auf Luthers Lehre und die Entwicklung hin Neuzeit. Dagegen widmet er sich erst im siebenten und letzten Abschnitt seines Buches ausführlicher Luther und der Reformation selbst.

Die Schwerpunkte sind also klar und das gibt der Titel des Buches „1517 – Weltgeschichte eines Jahres“ auch treffend wieder. Das Werk führt den Leser auf eine Zeitreise in das frühe 16. Jahrhundert. Schilling gelingt es selbst in der Kürze der Darstellung – der eigentliche Inhalt umfasst gerade einmal 308 Seiten – detailreich die Welt von damals zu skizzieren. So wird der Leser beispielsweise genauso in die ausgeklügelten Thronfolgevorgänge am spanisch-habsburgischen Hof in Madrid um Karl V. eingeweiht (dem einen großen Gegenspieler Luthers), wie in die Vorgänge um den osmanischen Herrscher Sultan Selim I., der zu Beginn des Jahres 1517 die Macht der Mamluken brach und damit dem Osmanischen Reich die Vorherrschaft in der muslimischen Welt sicherte. Beide Großmächte, d.h. das Haus Habsburg und das Osmanische Reich, standen sich fortan im 16. Jahrhundert feindlich gegenüber – nicht nur zu Lande, sondern auch zu Wasser, so bedrohte im Mittelmeer arabische und osmanische Seeräuber die Handelsrouten der europäischen Seefahrer. Schilling öffnet dem Leser in seinem Buch also den Blick auf das Europa und die Welt am Vorabend der Reformation. Und das durchaus auch in den weiteren „äußeren“ Aspekten des menschlichen Lebens von damals. So zeigt er auch wie sich wirtschaftliche und politische Veränderungen (z.B. durch die Entstehehung starker Fürstenhöfe) auf den Alltag ausgewirkt haben. Die Schwankungen in den Ernteerträgen führten beispielsweise 1517 zu regionalen Unruhen in der Bevölkerung. Wobei größere Städte davon weniger betroffen waren (wie Köln), da sie Lebensmittelvorräte bereits erfolgreich bewirtschafteten.

Ganz entscheidenden Einfluss auf die Welt zu Beginn der Neuzeit sieht der Autor zudem im Einfluss des neuen Weltwissens, zumindest auf die Eliten von damals. Amerika wurde entdeckt, Reisen an den chinesischen Hof wurden unternommen sowie Entdeckungsfahrten nach Afrika und Asien.

Aber auch die „Innerlichkeit“ war von Bedeutung. Die Welt besann sich wieder auf das Wissen und die Künste der Antike, d.h. die Renaissance aus Italien „schwabte“ immer stärker nach Nordeuropa: Universitäten wurden gegründet, neue Wissenschaften sollten bald entstehen und mit dem Buchdruck war auch eine wichtige Voraussetzung für die Verbreitung der Reformation auf den Weg gebracht.

Doch trotz aller Fortschritte zeigt Schilling auch, dass sich Aberglauben und Misstrauen hartnäckig hielten. Beispielsweise gegenüber dem Judentum, auch wenn sich einzelne Gelehrte wie der württembergische Humanist Johannes Reuchlin für die Anerkennung der jüdischen Kultur einsetzten. Aber auch Hexenverfolgungen und Geisterschlachten spielten nach wie vor eine große Rolle. Was sich in Erzählungen wie der „Geisterschlacht von Bergamo“ und den Gemälden und Holzschnitten von Bosch und Dürer zeigte.

Foto: Verlag C.H.Beck
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Bibliografie:
Heinz Schilling: „1517 – Weltgeschichte eines Jahres“
Verlag C.H.Beck, München
978-3-406-70069-9
Erschienen am 16. Februar 2017
3. Auflage, 2017
364 S., mit 40 Abbildungen und 1 Karte
Gebunden
Hardcover 24,95 €

Schließlich sollte vor allem der Medici-Papst und Renaissance-Fürst Leo X., der zwar auf der einen Seite die bildenden Künste durch den Neubau von St. Peter förderte, auf der anderen Seite mit seinem Ablasshandel aber Widerspruch von Humanisten wie Erasmus von Rotterdam und dem Erzbischof von Toledo, Francisco Jiménez de Cisneros (einer von mehreren spanischen Reformern), oder Rittern wie Ulrich von Hutten erntete. Heinz Schilling zeigt im letzten Abschnitt seines Buches schließlich, warum gerade der Wittenberger Mönch und Professor Luther sich mit seinen Thesen zum Reformator aufschwingen konnte: „Keiner der spanischen Bibelwissenschaftler war in ähnlicher Weise ein existentiell um Wahrheit Ringender wie der Wittenberger Mönch.“ So stieg er und nicht sie zum Gegenspieler von Ablass-Papst Leo X. und Karl V. auf. Und seine Lehre traf in der Bevölkerung auf offene Ohren, denn trotz aller Kritik an der Kirche waren die Menschen im frühen 16. Jahrhundert noch sehr gläubig. Die Furcht vor dem Fegefeuer, die vor allem bei einem plötzlichen Tod jedem Menschen drohte, war sehr wach und so versprach Luthers „gnädiger Gott“ auch Rettung ohne Läuterung im Fegefeuer und ohne Ablass.

Heinz Schillings Buch über das Jahr 1517 – auch nach den Reformationsfeierlichkeiten 2017 – ist ein profundes und spannendes Werk, um sich die Zeit vor der Reformation, und die Einflüsse auf diese, besser vorstellen zu können. Spannend geschrieben und klar gegliedert, führt es den Leser und die Leserin in eine interessante und aus heutiger Sicht fast versunkene Welt. In eine Zeit, in der die Menschen noch mit Inbrunst gläubig waren und sich mit Leib und Seele vor dem Martyrium des Fegefeuers fürchteten. Schilling vertritt am Ende die These, dass sich Luthers Reformwille stärker aus seinem innerlichen „Ringen um das rechte Weltwissen“ speiste (also „um die Suche nach einem gnädigen Gott und um die Frage nach dem ewigen Seelenheil“), denn aus dem äußerlichen neuen Wissen seiner Zeit.  Wer sich nach der Lektüre noch stärker mit Luther selbst beschäftigen möchte, dem sei Schillings hervorragende Luther-Biografie „Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ empfohlen, die 2016 ebenfalls im Verlag C.H.Beck erschienen ist (Neuauflage 2017).


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2 Kommentare zu Die Welt im Jahr der Reformation

  1. Mir gefällt an dem Buch, wie es der Autor schon in der Luther- Biographie betont, dass das Reformationsgeschehen eben auch europäische Bedeutung bekommt.

    1. Ja, ich finde auch, dass der Autor einen interessanten Vergleich zu den anderen Kirchenkritikern der Zeit zieht. Schilling bringt mit seiner „horizontalen“ Betrachtung über die Länder hinweg einige spannende – für mich neue – Aspekte über die Reformationsgeschichte.

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