Ein Hoch auf das Radfahren

Foto: Rainer Köhler
Freiheit auf zwei Rädern!
Foto: © Rainer Köhler

Schon ein Jahr vor dem runden Geburtstag des Fahrrads, es wurde am 12. Juni 2017 200 Jahre alt, brachte der Verlag C.H.Beck das „Lob des Fahrrads“ des französischen Anthropologen Marc Augé heraus. Wenige Tage nach dem großen Fest und kurz vor dem Start der 104. Tour de France in Düsseldorf verdient das kleine Büchlein Augés daher noch einmal eine besondere Aufmerksamkeit.

Dem Begründer der Ethnologie des Nahen und langjährigen Präsidenten der renommierten Pariser École des Hautes Ètudes en Sciences Sociales geht es nicht um den technischen oder historischen Aspekt des Fahrrads, sondern um die Philosophie und die gesellschaftliche Akzeptanz des Radfahrens. Wer sich über die Geschichte des Fahrrads informieren möchte, sei zum Beispiel auf den hervorragenden SZ-Artikel von Daniel Hofer verwiesen, der die wichtigsten Entwicklungsstufen des Fahrrads von der „Draisine“ (als dessen Erfinder der badische Forstbeamte Karl Drais gilt) über die Erfindungen von Kurbel, Metallrahmen, Hochrad, Kette, Kettenblättern zur Kraftübertragung und Luftreifen, bis hin zum heutigen Hightech-Carbon-Rad glänzend beschrieben hat. Augé stellt in seinem Buch „Lob des Fahrrads“ dagegen die Verbindung vom Rad zu uns selbst her, denn im Fahrrad entdecken wir uns wieder und erinnern uns an unsere eigene Kindheit. Das Rad vermittelt uns ein Gefühl der Freiheit, erwachsen aus der Eroberung des Raumes und der Überwindung der eigenen Grenzen. Für den Autor ist das Radfahren ein Mythos, der viel mit der Zeit zu tun hat, in der man Kind und Jugendlicher war. Neben diesem Mythos beschreibt er in Teil zwei seines Buches aber auch die Krise des Radfahrens sowie den Ausweg aus dieser Krise. Im dritten und letzten Abschnitt folgt dann seine Utopie vom Fahrradfahren der Zukunft.

Der Mythos

„Ein Mythos gewinnt an Stärke, wenn er in der Erfahrung derer, denen er erzählt wird, ein Echo findet.“ Dieser Satz Augés leuchtet uns spätestens dann ein, wenn wir uns an unsere eigenen ersten Erfolge auf dem Rad erinnern. Das Gefühl von Freiheit, als wir zum ersten Mal das Gleichgewicht auf dem Rad halten konnten und uns selbständig („autonom“) fortbewegten. Das Gefühl der Überwindung von Raum und Zeit, wenn wir unseren Tritt gefunden haben (Augé spricht vom „Gefühl“). Und die „Erfahrung von Ewigkeit“, die aus dem Wissen um die Dauer einer einzelnen Etappe als auch der zurückliegenden Jahre entstanden ist. Gestützt und verstärkt wird der Mythos für Augé durch die Helden unserer Kindheit und Jugend. Bei ihm waren das der Radrennfahrer Fausto Coppi und die Helden aus de Sicas Film „Fahrraddiebe“ und Tatis „Schützenfest“. Bei mir selbst waren das die Tour-Helden Miguel Indurain und Jan Ullrich (über den Christian Schuele im Jahr 2003 in der ZEIT schrieb: „Er quält sich exemplarisch, leidet stellvertretend, er ist außeralltäglich und doch einer von uns“. Beleg dafür, wie Jan Ullrich zum Mythos für ein ganzes Volk werden konnte, bevor er zehn Jahre später sein Eigenblut-Doping doch zugegeben hatte). Zum Mythos Fahrrad zählt für Augé aber auch die „Entdeckung der anderen“. Radfahren verbindet und ist kommunikativ. Zudem sieht der Autor in der solidarischen Gemeinschaft der Radfahrer ein heilsames Gegenmittel zur Smartphone-Kultur unserer Tage (Radfahren zur „Rückeroberung der Beziehung“).

Die Krise

Marc Augé behandelt in seinem Buch aber auch die untrüglichen Zeichen der Krise des Fahrradfahrens, die er am systematischen Doping und der Kommerzialisierung festmacht. Der „jump“, d.h. die plötzliche, fast übermenschliche Leistungsexplosion von Radfahrern (bekannt wurde er durch Charly Gaul), erscheint seither in einem ganz anderen Licht und wird modernen Rennradfahrern im Zeitalter von Amphetamin- und Eigenblut-Doping erst recht nicht mehr abgenommen. Die Zweifel an der tatsächlichen Leistung der Radfahrer sind also da und kratzten am Mythos vergangener Tage. Zudem hat der Kommerz den modernen Rennfahrer für Augé zu einem „Sandwich-Man“ degradiert, also zu einem „bloßen Werbeträger“. Fausto Coppi sei dagegen noch ein echter Volksheld gewesen, der die Arbeiterschaft (nicht nur Italiens) hinter sich wusste. Zur Krise trägt für Augé aber auch die moderne Großstadt bei, „in der das Lokale das Äußere geworden ist“ – also in erster Linie zum gewollten Anziehungspunkt für Touristen und zum Verkehrsknotenpunkt für Stadtplaner, die den schnellen und ungehinderten Warenfluss und Personentransport zum obersten Ziel erhoben haben.

Die Vision
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Fahrräder in der Stadt.
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Für Augé muss die Stadt aber wieder ein lebenswerter Ort werden. Mit dem Rad lernt man sie wieder besser kennen, entdeckt neue Wege und lernt Entfernungen wieder neu einzuschätzen. In seiner Vision zeichnet Augé schon einmal eine Stadt in der das Motto heißt: „Vélo liberté“, also Freiheit für das Fahrrad. Das sähe dann so aus, dass der Lieferverkehr zwischen 5 und 9 Uhr morgens erledigt sein müsse. Sonderfahrrechte gäbe es nur noch für die Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr sowie für Krankenwägen. Pendler von außen müssten ihre Autos in Parkhäusern an den Rändern der Städte abstellen, die so groß wären, dass man sie schon von weitem erkennen könne. Auf der anderen Seite wären dann öffentliche Verleihsysteme wie das Vélib‘ in Paris genauso feste Bestandteile der Innenstädte wie zigtausende individuell gestaltete Privat-Bikes, Rikschas und E-Bikes. Außerdem werde von Avantgarde-Städten ein „Pedaleffekt“ ausgehen, d.h. ein Sog entstehen, in deren Folge immer mehr Metropolen dem Rad einen Vorrang vor dem Auto einräumen. Das Rad würde auch die „Beziehung vieler Menschen zu den Medien“ verändern und „der Amateursport an die Stelle der Telerealität treten“. Das käme wiederum dem Selbstbewusstsein und Identitätsgefühl der Bürger zugute – nach dem Motto: „Ich radle, also bin ich“. Wer dies alles als Luftschlösser abtun möchte, denke nur daran, dass Stuttgart über ein Innenstadt-Verbot von Dieselfahrzeugen, die nicht der Euro-6-Norm entsprechen, schon für 2018 diskutiert.

Ein Buch für mehr Humanität
Cover-Foto: Verlag C.H.Beck
Cover-Foto: © Verlag C.H.Beck
Bibliographie:
Marc Augé
Lob des Fahrrads
Erschienen am 09.03.2016 (4. Auflage 2017) im Verlag C.H.Beck, München. 104 Seiten. Mit Zeichnungen von Philip Waechter. Aus dem Französischen von Michael Bischoff.
Gebunden, 14,95 € (D); 15,40 € (A)
ISBN 978-3-406-69028-0
Auch als E-Book lieferbar.

Ich habe das Buch „Lob des Fahrrads“ von Marc Augé mit großem Genuss gelesen und mich in vielen Schilderungen selbst wiederentdeckt. Gleich zu Beginn nimmt einen der Autor mit auf eine Zeitreise in die eigene Kindheit. Sein plastischer und kurzweiliger Erzählstil beschwört Bilder und Gefühle herauf, an die sich die meisten Leser noch erinnern dürften. Sein Buch ist ein wirkliches Plädoyer für mehr Selbstverantwortung, mehr Autonomie und mehr Freiheit. Wir müssen es einfach nur tun, d.h. das Rad aus dem Keller oder der Garage holen, aufsitzen und losfahren. Dann gewinnen wir wieder die eigene Realität zurück. Außerdem ist Radfahren natürlich das effizienteste, gesündeste (ein Aspekt, der in Augès Buch etwas zu kurz gekommen ist) und demokratischste Fortbewegungsmittel, das man sich nur vorstellen kann. Ich stimme Augé daher unbedingt zu, wenn er am Ende feststellt, dass das Radfahren ein Humanismus sei. Dem Autor und dem sehr schön gestalteten Buch aus dem Verlag C.H.Beck (gebunden, mit Schutzumschlag und mit 12 Illustrationen von Philip Waecher) wünsche ich sehr viele Leser, die sich vom Inhalt anstecken und motivieren lassen. Für jeden echten Radfahrer ist es auf jeden Fall eine tolle Geschenkidee!


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2 Kommentare zu Ein Hoch auf das Radfahren

  1. Hallo Rainer,
    Deine Rezension von „Lob des Fahrrades“ beschreibt viele Aspekte des Radfahrens. Es bespricht sowohl philosophische als auch imagemäßige Aspekte. Besonders aber haben mir die Thesen von den visionären Elementen des Fahrrads für die städtische Mobilität gefallen, besonders das Motto „Vélo liberté“!

    Das Buch ist bestellt. Danke für den Tipp!

    Jürgen

    PS: Deine Rezension würden wir gerne auf unserer Homepage http://www.mobilitaets-arena.de veröffentlichen.

    1. Das Buch von Marc Augé ist ein starkes Plädoyer für das Radfahren.

      Ich wünsche Dir und den Machern Eurer neuen Homepage http://www.mobilitaets-arena.de viel Erfolg! Die Inhalte und Eure Ideen und Ziele sind sehr interessant! Da steuere ich gerne meine Rezension bei – wie besprochen.

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