Eine Geschichte des Kommunismus – von den Ursprüngen bis zur Gegenwart

Foto: Rainer Köhler
Foto: © Rainer Köhler

Im Jahr 2017 jähren sich zwei große historische Ereignisse, die die Entwicklung der Menschheit maßgeblich geprägt haben: 500 Jahre Reformation und 100 Jahre Oktoberrevolution. Zu letzterem Ereignis erschien am 19. September 2017, „Die Farbe Rot“ von Gerd Koenen im Verlag C.H.Beck. Wie im Untertitel genannt, zeichnet der Autor darin „Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ nach. Koenen schlägt mit seiner Monographie einen großen Bogen von der Antike bis zur Gegenwart des Jahres 2017. Er präsentiert auf über 1.000 Seiten nicht nur die Entstehung der Arbeiterbewegung während der industriellen Revolution, sondern auch die Ideen, Theorien und Entwicklungen, die schon viel früher im Altertum sowie im religiösen Mittelalter aufkeimten, sich während der Renaissance und Aufklärung weiterentwickelten und in der Französischen Revolution ihren ersten Höhepunkt fanden. Koenen schildert natürlich auch die Vorstellungen und Ideen der Frühsozialisten sowie von Marx und Engels, aus denen dann die ersten Gewerkschaften und sozialistischen Parteien und der Marxismus entstanden sind. Einen großen Raum widmet der Autor schließlich dem („real existierenden“) Sozialismus, der – entgegen den Voraussagen von Marx und Engels – nicht in den ökonomisch weiter entwickelten Ländern Westeuropas und Amerikas entstanden ist, sondern von Russland ausging.

 

Gerd Koenen erzählt seine Geschichte des Kommunismus mit viel Leidenschaft. Man spürt, dass ihm sozialistische Ideale wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit wichtig sind und er legt dar, dass wir davon auch heute noch weit entfernt sind – zumal, wenn wir die ganze Welt betrachten. Dennoch oder gerade deshalb geht Koenen aber auch sehr kritisch an die Geschichte des Kommunismus heran, das belegt u.a. ein Zitat aus dem Kapitel „Fülle des Lebens“, in der es um die Emanzipation der Frau im Sozialismus und der Gesellschaft geht: „So sehr die modernen sozialistischen und kommunistischen Bewegungen und Parteien über das engere Feld der ‚sozialen Frage‘ und das übergreifende Ziel einer ‚Emanzipation des Proletariats‘ hinaus auch gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen gewesen sind, die für gleiche Rechte der Geschlechter, Rassen, Nationalitäten oder Religionen eintraten, so schwer taten sie sich mit der Autonomie einzelner, ‚separatistischer‘ Emanzipationsbewegungen.“ Noch deutlicher ist seine kritische Haltung gegenüber dem Kommunismus russischer Prägung aber im Kapitel „Phönix und Asche“ spürbar, in dem Koenen auf die Verfolgungen der Sozialrevolutionäre, Bauern und sogar Arbeiter während der ersten Jahre der Russischen Oktoberrevolution eingeht und u.a. das Massaker auf der Krim im Frühsommer 1920 beschreibt: „In einem monströsen Massaker sollen zehn- oder zwanzigtausend, die nicht mehr weiterkamen, Soldaten wie Zivilisten, Männer wie Frauen, erschossen oder gelyncht worden sein.“ Allerdings macht er auch klar, dass es auf beiden Seiten im Bürgerkrieg zu extremen Greueltaten kam.

Foto: Verlag C.H.Beck
Foto: © Verlag C.H.Beck
Bibliographie:
Koenen, Gerd
Die Farbe Rot
Ursprünge und Geschichte des Kommunismus
Von Gerd Koenen
Erschienen: 19.09.2017
2017. 1133 S.: mit 42 Abbildungen. Gebunden
ISBN 978-3-406-71426-9
38,00 €; (D) inkl. MwSt.

Die Geschichte des Kommunismus, die Gerd Koenen meisterhaft erzählt, ist eine Geschichte voller Freud und Leid, von Siegen und Niederlagen, von Erkenntnissen und Verwirrungen sowie von Hoffnungen und Enttäuschungen. Das macht er schon im Prolog zu seinem Buch deutlich: „Rot ist die Farbe, die dich mit allen andern Menschen ‚kommunistisch‘ verbindet. Gerade deshalb ist sie aber auch die Farbe der äußersten Gegensätze und der tiefsten Trennungen.“ Der Titel „Die Farbe Rot“ ist also gut gewählt. Der Historiker und Schriftsteller Gerd Koenen kennt den Kommunismus wie kaum ein zweiter aus eigener Erfahrung und Anschauung. Er war u.a. Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) und des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands (KBW), engagierte sich aber auch für die polnische Bürger- und Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“ und war wissenschaftlicher Mitarbeiter von Lew Kopelew. Von 1988 bis 1990 arbeitete er als Redakteur des Stadtmagazins „PflasterStrand“ von Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt. Für sein Buch „Der Russland-Komplex“ erhielt der Autor den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung. Diese Sachkenntnis merkt man der mitreißenden Lektüre sofort an. Ich halte „Die Farbe Rot“ auf jeden Fall für einen hervorragenden Einstieg in die Geschichte des Kommunismus. Das gilt vor allem für all jene, die nach 1989 auf die Welt gekommen sind und die Ära des Kommunismus mit all seinen Versprechungen und Enttäuschungen weder unmittelbar noch mittelbar erlebt haben. Mit Nachwort, umfangreichem Anmerkungsapparat, Personenverzeichnis und 42 s/w Abbildungen lässt das im Verlag C.H.Beck erschienene, gebundene Buch auch von der editorischen Seite keine Wünsche offen. Es ist zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution eine wichtige Lektüre zum Verständnis des Kommunismus.


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