Erkenne Dich selbst … auf dem Rad

Die Philosophie des Radfahrens
Foto: © Rainer Köhler

(Die Philosophie des Radfahrens“ herausgegeben von Jesús Ilundáin-Agurruza, Michael W. Austin und Peter Reichenbach, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2017.)

Wer Rad fährt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Das ist vor allem bei langen Radstrecken so. Die regelmäßige Bewegung des „Kurbelns“, der konstante Blick zur Seitenlinie, der Fahrtwind und das „Surren“ der Kette versetzen den Fahrer schnell in einen meditativen Zustand. Wenn alle Rahmenbedingungen passen, stellt sich ein Zustand der inneren Ruhe und des vollkommenen Glücks ein. Man ruht dann praktisch in sich selbst. Der Radfahrer als Philosoph der Landstraße. Wer diesen Zustand kennt, dürfte sich vom Titel des Buches der Herausgeber Jesús Ilundáin-Agurruza, Michael W. Austin und Peter Reichenbach angezogen fühlen: „Die Philosophie des Radfahrens“.

Buchcover: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Foto: © Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Bibliographie:
Hg.: J. Ilundáin-Agurruza, M. W. Austin, Peter Reichenbach
„Die Philosophie des Radfahrens“
Erschienen: 16.01.2017
suhrkamp taschenbuch 4743, Taschenbuch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-518-46743-5
D: 10,00 €
A: 10,30 €
CH: 14,90 sFr

Der Inhalt des gut 200 Seiten starkes Bandes umfasst 15 Essais über das Radfahren, die zugleich so etwas wie ein philosophisches Kompendium des Radfahrens sind. Denn die Autoren behandeln ganz unterschiedliche philosophische Aspekte des Radfahrens und des Radsports wie den Bewegungsaspekt, die politische Dimension des Radfahrens, die metaphysische Komponente oder die Rolle der Technik. Betrachtet werden aber auch emanzipatorische Überlegungen zum Radfahren, der Wettkampfaspekt und die Verwendung leistungssteigernder Mittel (Doping). Fast alle Autoren haben einen akademischen Hintergrund und sind nicht nur begeisterte Radfahrer, sondern lehren auch als Philosophiedozenten an Hochschulen. Die einzelnen Artikel weisen daher oft Bezüge zu philosophischen Denkschulen auf. Zitiert werden u.a. Nietzsche, Thoreau und Dewey, aber auch Klassiker wie Aristoteles, Epiktet und Marc Aurel, um nur einige zu nennen. So stellt etwa Steven D. Hales in seinem Beitrag sechs Regeln für das Radfahren auf, die das Leben selbst lernt. Wer diese beachtet, hat nach seiner Einschätzung die Chance sich selbst kennenzulernen, also den Leitspruch des Orakels von Delphi zu verwirklichen. Das dabei natürlich an erster Stelle das Training steht, ist klar. Interessant ist aber die fünfte Lektion: „Erwarte das Unerwartete“. Radfahren hat etwas mit Fatalismus zu tun. Für Steen Nepper Larsen vereint das Radfahren die Kategorien Raum und Zeit: Denn mit der Länge der Strecke und der damit verbundenen körperlichen Anstrengung werde aus dem „Hier und Jetzt“, das man auf der Zeitleiste an einem bestimmten Zeitpunkt ablesen könne, ein „ausgedehnter Moment“: „Die Zeit fällt aus den Angeln und erreicht einen Zustand der Vollkommenheit.“ Und für die Ex-Radsportlerin Heather L. Reid ist das Wichtigste, „dass ich das, was ich erreicht habe, selbst erreicht habe“. Dabei komme es nicht nur auf Muskelkraft an, sondern auch auf Klugheit. So sei der wichtigste Umgang mit Bergen, die für jeden echten Pedaleur die Krönung sind, der „Respekt“ vor ihnen. Wie wahr!

Die Philosophie des Radfahrens ist ein Buch für alle Freunde des Radsports, die selbst schon hinreichende Selbsterfahrungen auf dem Zweirad gemacht haben. Die den „Hochzustand“ kennen, wenn alle Rahmenbedingungen beim Fahren (Sonne, Wind, Ruhe, Landschaft, Straße, Verkehr, Geschwindigkeit, usw.) so perfekt ineinandergreifen wie die Zähne des Ritzels in die Kette und den Fahrer in einen zeitlosen Zustand des inneren Genusses versetzen. Für alle Radler die diese Zustände immer wieder suchen und ewig festhalten möchten und die dafür alle Hindernisse beiseite schieben. Die Erfahrungen der Autoren rühren dabei eher vom ausdauernden und kontemplativen Langstrecken-Fahren her als von der adrenalingesteuerten Downhill-Hatz auf dem Mountain-Bike. Aber auch Rad-Pendler und enthusiastische Hobby-Fahrer werden in den Texten der Autoren viele Aspekte des Radfahrens erkennen. „Die Philosophie des Radfahrens“ ist ein Buch für alle Zweirad-Ritter (Fahrradfahren in der Großstadt gleicht manchmal tatsächlich einem Ritterturnier), die über die Bewegung hinaus nach einem Sinn und einer Bestätigung für ihr Tun suchen. Und die „Philosophie des Radfahrens“ bietet ihnen hierfür viele Erklärungsmuster und Erfahrungen an. Radfahren macht uns tatsächlich zu besseren Menschen. Nicht nur im physischen Sinn, sondern auch im metaphysischen. Wir lernen uns selbst dabei besser kennen. Also … Pause einlegen und lesen!


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