Sturmhöhe – Ein Buch wie ein Orkan

Foto: Rainer Köhler
Foto: © Rainer Köhler

Bei Italo Calvino habe ich erst kürzlich gelesen, dass es ein außerordentliches Vergnügen sei, ein großes Buch in reifem Alter zum ersten Mal zu lesen. Er begründet dies damit, dass „man im reifen Alter eher viele Details, Ebenen und Bedeutungen zu schätzen weiß.“ Und genau dieses Vergnügen bereitete mir der Roman „Sturmhöhe“ von Emily Brontë. Das Buch zieht den Leser und die Leserin von Anfang an in einen Strudel dunkler Leidenschaften hinein. Hier brodelt es nur so von Liebe, Hass, Gewalt und Vergeltung.

Zum Inhalt:

Yorkshire, England. Wir sind im Jahr 1801. Mr. Lockwood, der neue Pächter des Herrenhauses Thrushcross Grange, macht seinen Antrittsbesuch auf dem einsamen Gutshof Wuthering Heights (übersetzt als „Sturmhöhe“). Doch weder der mürrische Verpächter „Heathcliff“, noch der verdrießliche Diener Joseph bereiten ihm einen freundlichen Empfang. Ganz zu schweigen von den zähnefletschenden Hunden, deren schnappenden Mäulern er nur knapp entgeht. Beim zweiten Besuch, lernt er die schnippische und arrogant erscheinende Catherine Heathcliff kennen und den eigenartigen Hareton Earnshaw, zwei weitere, junge Hausbewohner. Vor allem aber macht er in der Nacht – ein Schneesturm zwingt ihn zur Übernachtung auf Wuthering Heights – die Bekanntschaft mit dem Geist der verstorbenen Catherine Linton, die ihm in einem Alptraum erscheint. Aufgewühlt von seinen Erfahrungen, der alptraumhaften Erscheinung von Catherine Linton  und der seltsamen Reaktion von Heathcliff („,Komm doch, Cathy. Ach komm – nur einmal wieder!‘“), lassen ihn seine neuen Eindrücke nicht mehr los und er bittet Nelly Dean (Ellen) ihm mehr von Heathcliff und den anderen Personen zu erzählen, die er kennengelernt hat.

Über den Erzählungen von Ellen entspinnt sich schließlich die ganze Familiengeschichte der Earnshaws und Lintons, die über die Hochzeit von Catherine und Edgar miteinander auf tragische Weise verbunden sind. Die Zeitspanne der Handlung reicht von der Geburt Hindley Earnshaws, im Jahr 1757, bis in das Jahr 1802 und erzählt die Ereignisse der Familien über drei Generationen hinweg.

Genealogie - Grafik: Rainer Köhler
Genealogie – Grafik: © Rainer Köhler

Im Mittelpunkt des Romans steht die verhängnisvolle Dreiecksgeschichte zwischen Catherine Earnshaw, Edgar Linton und Heathcliff, einem Findelkind, das Mr. Earnshaw, der Vater von Hindley  und Catherine Earnshaw (der späteren Mrs. Linton), von einer Reise aus Liverpool mit nach Hause bringt.

Catherine und Heathcliff sind von ähnlichem Charakter und fühlen sich zueinander hingezogen. Dies wird noch verstärkt durch die Repressionen, die ihr älterer Bruder Hindley auf die beiden ausübt. Doch in einer Schlüsselszene des Buches beichtet Catherine der Haushälterin Nelly, dass es für sie ein „Abstieg“ wäre, wenn sie sich für Heathcliff entscheiden würde, obwohl sie ihn liebt: „Woraus auch immer unsere Seelen bestehen – die meine und die seine sind ein und dieselbe (…).“ In Edgar Linton sieht Cathy dagegen einen Gegenpol. Für die belesene und lebenserfahrene Haushälterin Nelly ist Linton jedoch verblendet, denn das Glück, das er am Tag seiner Hochzeit empfindet, ist für sie von vornherein in Gefahr, da Cathy den Weggang Heathcliffs kaum überwindet. Und nachdem Heathcliff nach drei Jahren als wohlhabender Mann zurückkehrt (die Quelle seines Wohlstands bleibt ungenannt), kommen sich die beiden schnell wieder näher – die alte Liebe entflammt wieder. Da Cathy aber bereits mit Catherine schwanger ist, kommt für sie eine Trennung nicht in Frage. An der schwierigen Dreieckskonstellation zerbricht sie schließlich und stirbt nach der Geburt ihrer Tochter.

Mit dem Tod von Cathy tritt der eigentliche (Haupt-)Held des Romans noch stärker in den Vordergrund: Heathcliff! Als Byronscher Held par excellence treten jetzt seine Rachegedanken noch stärker in den Vordergrund. Er möchte sich gegenüber den Earnshaws für seine schwierige Kindheit rächen und gegenüber den Lintons für die Schmach, dass sich Cathy gegen ihn und für Edgar entschieden hat. So gelingt es ihm Hareton, den Sohn von Hindley Earnshaw, gegen seinen Vater in Stellung zu bringen, sowie, durch seine Vermählung mit Isabella Linton (Edgar Lintons Schwester), auch Edgar entsprechend zu treffen. Schließlich erpresst und erschleicht sich Heathcliff beide Güter. Dafür nimmt er sogar den Tod von Hindley in Kauf, in dessen Folge er Wuthering Heights übernimmt sowie den Tod seines schwächlichen Sohnes Linton Heathcliff, den er mit Cathys Tochter Catherine verheiratet und somit auch in den Besitz von Thrushcross Grange gelangt.

Zum Ende des Romans steht Heathcliff trotz seines erfolgreichen Rachefeldzuges dennoch als tragischer Held und Verlierer da. Er kann nicht überwinden, dass seinem neuen Pächter Lockwood der Geist Cathys erschienen ist und nicht ihm. Damit sind auch seine Tage gezählt. Der Schluss des Romans stimmt dennoch versöhnlich, denn Catherine gelingt es den verschlossenen Hareton „aufzutauen“ und für sich zu gewinnen. Sie bringt ihm das Lesen bei, das ihm Heathcliff in seinem Kreuzzug gegen die Earnshaws enthalten hat, und eröffnet ihm damit einen Ausgang aus seinem latenten Zustand der Bewußtlosigkeit.

Zur Autorin:

Emily Jane Brontë, so lautet der komplette Name der Autorin, wurde am 30. Juli 1818 in Thornton, Yorkshire, als fünftes Kind eines Pfarrers irischer Herkunft geboren. Ihre Mutter stammte aus Cornwall. In Yorkshire spielt später auch ihr erster und einziger Roman „Wuthering Heights“. Das heißt aber nicht, dass Brontë in ihrem kurzen Leben – sie starb am 19. Dezember 1848 mit gerade einmal 30 Jahren an Tuberkulose bzw. an einer Lungenentzündung – keine Erfahrungen in anderen Städten oder Ländern gemacht hat. So arbeitete sie als Lehrerin in einem Internat und studierte 1842 mit ihrer älteren Schwester Charlotte Französisch in einem Mädchenpensionat in Brüssel, wobei vor allem ein Auslandsaufenthalt für Frauen im frühen viktorianischen Zeitalter durchaus untypisch war. Wie ihre ebenfalls berühmten Schwestern Charlotte (Currer Bell) und Anne (Acton Bell) benutzte sie als Schriftstellerin ein männliches Pseudonym (Ellis Bell). Und wie ihre Schwestern versuchte sie sich als junge Frau im Schreiben von Gedichten. Über ihren Charakter ist leider nur sehr wenig bekannt. Ihre Schwester Charlotte beschrieb Emily in Briefen als „eine wilde, starke, stoisch verschlossene, eigensinnig-spröde, nach Independenz strebende (…) junge Frau, die allem gesellschaftlich Normativen kritisch bis abwehrend begegnete“ (so Wolfgang Schlüter, der Übersetzer der vorliegenden Ausgabe, im Nachwort).

Foto: Carl Hanser Verlag
Foto: © Carl Hanser Verlag
Bibliographie:
Emily Brontë
Sturmhöhe
Übersetzt von Wolfgang Schlüter
Herausgegeben von Wolfgang Schlüter
640 Seiten
ISBN : 978-3-446-25066-6
€ 39,90 (D)
€ 41,10 (A)
CHF 48,50 (CH) Unverbindliche Preisempfehlung
Zum Buch:

Ein Jahr vor Emily Brontës Tod erscheint „Wuthering Heights“ erstmals bei Newby in London – zusammen mit dem Roman „Agnes Grey“ ihrer Schwester Anne Brontë. Das Buch wurde teilweise kritisch, teilweise aber auch wohlwollend von der zeitgenössischen Kritik aufgenommen. Der Erfolg zeigte sich jedenfalls erst später – nach dem Tod Emily Brontës. Wolfgang Schlüter hat einige Besprechungen aus der Zeit Brontës in den Anhang seiner Übersetzung aufgenommen (sehr interessant zu lesen!). Die Übersetzung selbst findet in der Kritik sowohl Ablehnung, als auch Zustimmung. In jedem Fall besticht die Neuausgabe bei Hanser durch die edle Aufmachung (Dünndruckausgabe, in schönes Leinen gebunden und mit zwei Lesebändchen versehen) und durch den umfangreichen Anhang mit einem ausführlichen, aber auch nicht ausufernden Anmerkungs-Apparat, einem hervorragenden Nachwort und vielen Quellen, die zum Verständnis des Romans beitragen.

Meine Meinung:

Wie bereits zu Beginn geschrieben, entfesselt Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ von Anfang an einen regelrechten Sturm der Leidenschaften. Die Handlung ist schlüssig, genau komponiert und spannend geschrieben. Die Charakter aller Protagonisten sind scharf gezeichnet. Wobei besonders Heathcliff – der Name heißt übersetzt Heideklippe oder Heidefels – herausragt. Dieser düstere Held, der während des gesamten Romans stets präsent ist (selbst in seiner Abwesenheit), verkörpert mit seiner rasenden Leidenschaft, Eifersucht und Rache geradezu den Archetypus eines negativen (Byronschen) Helden, der nicht für irgendein übergeordnetes, idealistischen Ziel kämpft, sondern für seine eigene Sache. Ihm ist (fast) jedes Mittel recht, um an sein Ziel zu gelangen.

Die Leserin und der Leser gewinnen schnell den Eindruck, dass fast jeder Held und jede Heldin über einem Abgrund schweben, und in jedem Moment abstürzen können. Die Gefahr ist allgegenwärtig und mit ihr die Brutalität. In der Sturmhöhe wimmelt es nur so von Gewalt, Repression, Drohungen, Sucht und Exzessen. Doch trotz aller Düsternis ist auch Hoffnung zu spüren. Sogar beim düsteren Helden Heathcliff kann man Liebe ausmachen, selbst wenn sie als Triebfeder für seine Eifersucht & Rachsucht dient. Die Handlung des Romans speist sich so geradezu aus Antagonismen wie Liebe und Tod oder Glaube und Vernunft. Interessant ist auch die Verkörperung des Bösen einerseits durch den glühenden „Racheengel“ Heathcliff und andererseits durch den kühlen, streng dem Wortlaut der Bibel verhafteten Joseph. Einer Nebenfigur, die übrigens aufgrund ihrer finsteren und orthodoxen Gläubigkeit wieder sehr aktuell ist. Am Ende des Romans behält aber das Prinzip der Aufklärung die Oberhand. Die belesene und aufgeklärte Catherine und der sich ihr gegenüber öffnende Hareton versprechen eine bessere Zukunft.

Interessant ist die Erzählperspektive der Autorin, denn Brontë versteckt sich geschickt hinter den Erzählungen des Pächters Lockwood und der Dienerin Nelly Dean, die den größten Teil der Geschichte erzählt. Durch diesen Kniff gelingt Brontë eine neutrale, nicht wertende Erzählperspektive. Das Lesepublikum soll sich ein eigenes Bild von den Ereignissen machen. Die Schriftstellerin bedient sich also einer modernen Erzählweise. Der harten Tonart ihrer Sprache versucht der Übersetzer Wolfgang Schlüter gerecht zu werden, indem er Brontë nicht „(…) pleasant (gefällig), makellos, elegant & geschmeidig“ übersetzt, sondern kraftvoll, gedrängt, lapidar und wuchtig. Außerdem verwendet Schlüter deutsche Dialekte für die Darstellung britischer Slangs. Zum Beispiel erhält der strenggläubige Joseph einen derben wienerischen Dialekt. Insgesamt finde ich die Übersetzung angemessen und tatsächlich kraftvoll, auch wenn ich zu Beginn des Romans über einige Wörter gestolpert bin, die mir etwas sperrig vorkamen („Der impressive Hund!“, „quadropedische Unholde“)! Sie passt für mich zu der dramatisch verdichteten Handlung des Romans. Eines spannenden und schaurigen Buches, das nicht nur wie ein Sturm daherkommt, sondern wie ein Orkan!


Beitrag teilen:

Facebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.