Und mit dem Vergessen kam die Freude am Licht

Foto: Rainer Köhler
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Der Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von José Eduardo Agualusa, der am 21. Juli 2017 im C.H.Beck Verlag erschienen ist, erzählt die unglaubliche und fantastische Geschichte von Ludovica Fernandes Mano. Unglaublich deshalb, weil sich Ludovica (oder Ludo) kurz vor dem Höhepunkt der angolanischen Revolution und Machtübernahme durch die MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola) in ihrer Wohnung in Luanda einmauert und dort dreißig Jahre lang abgeschirmt von ihrer Umwelt lebt, nachdem sie im Affekt einen Einbrecher vor ihrer Wohnungstüre erschossen hat. Wie man in der Danksagung und Bibliographie am Ende des Romans erfährt, gab es wohl tatsächlich eine Portugiesin in Angola, die sich aus Angst vor den Revolutionswirren in ihrer Wohnung eingemauert hat. Und was Agualusa aus dieser realen Begebenheit machte, ist atemberaubend.

 

Die Geschichte

 

Im Zentrum des Romans steht die Geschichte der Angolanerin Ludovica, die, wie der Autor, von portugiesischer Abstammung ist. Da Ludo schon als Kind ängstlich war, zog sie nach dem Tod ihrer Eltern zu ihrer Schwester Odete und wohnt schon kurze Zeit später mit Odete, deren Mann Orlando und ihrem Hund Fantasma im „Haus der Beneideten“ – ganz oben im elften Stock eines eleganten Wohnhauses in der angolanischen Hauptstadt Luanda, in einer Wohnung, die mit einer großen Dachterasse ausgestattet ist und über eine umfangreiche Bibliothek verfügt. Hier erlebt sie hautnah die Ereignisse am Vorabend der Revolution mit und erschießt nach dem plötzlichen Verschwinden von Odete und Orlando einen von drei Einbrechern vor ihrer Türe. Verunsichert und auf sich allein gestellt, mauert Ludo schließlich den Zugang zu ihrer Wohnung mit Steinen und Zement zu, die Orlando zuvor für ein neues Beet auf der Terrasse angeschafft hat. In diesem Beet vergräbt sie anschließend den Einbrecher. Doch wie konnte sie völlig abgeschottet von der Außenwelt überleben? Indem sich Ludo zunächst von den Lebensmittelvorräten ernährt, die Odete und Orlando vor ihrem Verschwinden angelegt haben sowie von dem Mais, den Bohnen und den Bananen, die auf der Terrasse wachsen. Schließlich gelingt es ihr Tauben zu fangen sowie einen Hahn und ein Huhn vom Nachbarbalkon, mit denen sie eine Hühnerzucht beginnt. Soweit das Gerüst des Romans. Den eigentlichen Inhalt des Romans entspinnt Agualusa aber über die Notizen und Gedanken, die Ludo im Laufe der Zeit auf den Wänden ihrer Wohnung notiert und den Geschichten der weiteren Helden des Romans, die im Umfeld von Ludovica auftauchen oder eine indirekte Rolle spielen.

 

Die Figuren

 

Da ist der bereits genannte Schwager Orlando, der der Revolution gegenüber gar nicht abgeneigt ist, sich aber nicht für deren Ziele einsetzen will. Er arbeitet für eine angolanische Diamantengesellschaft und möchte sich mit seiner Frau Odete, Ludos Schwester, zuletzt doch noch nach Portugal absetzen. Dafür bringt er sich in den Besitz von Diamanten seines Unternehmens. Dann ist da Jeremias Carrasco, ein portugiesischer Söldner, der gegen die MPLA kämpft, Orlando beim Diamantenraub behilflich ist und schließlich von den Soldaten Magno Moreira Montes erschossen wird, die ihn vor der Wohnung Ludos aufgegriffen haben, in der er (zurecht) die versteckten Diamanten Orlandos vermutet hatte. Monte selbst ist Geheimoffizier im Dienste der MPLA und tritt im Roman nicht nur als Widersacher von Jeremias auf, der wiederum seine Erschießung auf wundersame Weise und durch die Pflege der Krankenschwester Madalena überlebt, sondern auch von kleiner Soba (Arnaldo Cruz), der den Fraktionisten, also in Ungnade gefallenen Linksabweichlern der Revolution zuzuordnen ist. Soba schießt schließlich vor lauter Hunger mit einer Zwille die Brieftaube „Amor“ vom Himmel, in deren Magen er zwei Diamanten findet, mit denen Ludo zuvor die Brieftaube auf ihrer Dachterrasse geködert und gefangen hat; die Taube aber wieder fliegen ließ, weil sie an einem Fuß die Nachricht einer Liebesbotschaft samt Treffpunkt enthielt und Ludo Mitleid mit der Empfängerin hatte (Maria Clara, Montes Frau, wie sich noch herausstellen sollte). Neben diesen Helden tauchen noch viele weitere auf, wie der Journalist Daniel Benchimol, der, in der später durch die MPLA eingeleiteten Phase der Entspannung, verschwundene Personen sucht, selbst auf einer Todesliste Montes steht, dem Tod aber durch einen einfachen Zufall entgeht. Benchimol sucht Ludo im Auftrag einer Person, die hier aber noch nicht vorweggenommen werden soll, um nicht zu viel vom spannenden Finale des Romans zu verraten, an dessen Ende sich die wichtigsten Protagonisten noch einmal vor der Wohnungstür Ludos treffen werden. Von den vielen weiteren Personen muss aber noch der kleine Sabalu (Estevão Capitango) erwähnt werden, ein Straßenjunge, der in Ludos verschlossene Welt eindringt und ihr in doppelter Weise das Leben rettet, indem er sie nach einem Sturz mit Medizin versorgt und die Mauer vor ihrer Wohnung mit den Worten einreißt: „Drüben, auf der anderen Seite der Mauer, ist die Welt.“ Alles verstanden? Keine Bange, denn Agualusa versteht es meisterlich, die Handlungsfäden und Geschichten der einzelnen Personen seines Romans zu einem absolut spannenden Finale zusammenzufügen!

 

Hintergrund und Konzeption des Romans

 

Die Geschichte Ludos spielt sich vor der Machtergreifung der MPLA in Angola im Jahr 1975 ab, dem nachfolgenden Bürgerkrieg zwischen der MPLA-Regierung und kubanischen Hilfstruppen auf der einen Seite sowie der FNLA (Frente Nacional de Libertação de Angola), der UNITA (União Nacional para a Independência Total de Angola) sowie ausländischen Söldnern auf der anderen Seite und den späteren Phasen der Entspannung und des neugeschaffenen Mehrparteiensystems in Angola ab den 90er Jahren durch die nach wie vor regierende MPLA.

Agualusa vermeidet allerdings Details und Jahreszahlen in seiner Erzählung. Ihm kommt es vielmehr auf die Verletzungen und Narben an, die die Revolution und vor allem die anfängliche Zeit der Unterdrückung in Angola hinterlassen haben – und das nicht nur bei den Menschen, die in Städten leben, sondern auch bei den Himbas, den Kuvales und den Mucubal, also den Nomaden- und Hirtenvölkern Angolas. Der Autor lässt ausschließlich die Helden seines Romans aus seiner personellen Erzählperspektive selbst zu Wort kommen, erzählt raffiniert und gekonnt in Vor- und Rückblenden deren jeweilige Geschichte und verrät dadurch vielleicht auch etwas von seiner eigenen Meinung, beispielsweise indem er Madalena folgende Worte in den Mund legt: „Mich interessiert nur die Revolution, die mit einem vernünftigen Essen beginnt.“ Ludo selbst lässt er zu Sabalu sagen: „Das Paradies ist unser Platz im Herzen der anderen“ oder am Ende des Romans zu Jeremias (der am Verschwinden von Odete und Orlando mitschuldig ist): „Man kann Fehler nicht wiedergutmachen. Vielleicht muss man sie einfach vergessen. Wir sollten das Vergessen üben.“ Damit spielt José Eduardo Agualusa wohl auf die Rolle der Vergebung an, ohne die eine Gesellschaft, die Phasen des gegenseitigen Terrors und der Gewalt durchgemacht hat, wahrscheinlich nicht zu einem friedlichem Neubeginn kommen kann. Durch diese Konstruktion gewinnt der Inhalt des Romans eine universale Aussagekraft und Gültigkeit – auch für andere Bürgerkriegsländer wie zum Beispiel für Kolumbien, das nach dem Frieden von Regierung und Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“) ebenfalls noch seinen Weg zwischen Vergessen und Vergebung sucht.

Agualusas Roman ist ein starkes Plädoyer dafür, wie eine zerrüttete und gespaltene Gesellschaft wieder zusammenwachsen kann. Und er findet dafür in seinem Roman (seiner „Theorie des Vergessens“) den richtigen Ton, denn letztlich wird keiner seiner Helden (komplett) an den Pranger gestellt – auch nicht der Geheimdienstoffizier Monte. Seine Theorie untermauert er eindringlich nicht nur am Beispiel der Menschen Angolas, die exemplarisch für viele andere in seinem Roman auftreten, sondern auch an der ganz individuellen Gewalterfahrung Ludos selbst, die am Ende des Romans enthüllt wird, hier aber ebenfalls nicht vorweggenommen werden soll. Ludo findet über das Vergessen, was ihr und ihrem Land zugestoßen ist, wieder Gefallen am Leben und am Licht, auch wenn ihr Sehvermögen (wohl aufgrund einer nicht weiter bezeichneten altersbedingten Makuladegeneration) nachlässt. Aber mit Sabalu hat sie jemanden an ihrer Seite, der eine gute Zukunft verheißt – für sie und für Angola.

Foto: Verlag C.H.Beck
Foto: © Verlag C.H.Beck
Bibliographie:
Agualusa, José Eduardo:
„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“
Roman
2017. 197 S.: Gebunden
ISBN 978-3-406-71340-8
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler,
Erscheint am 21. Juli 2017,
19,95 €, inkl. MwSt., (D)

Den Sprachstil, den Agualusa für seinen Roman gefunden hat, kann man vielleicht in Anlehnung an Gabriel García Márquez („magischer Realismus“) als „fantastischen Realismus“ bezeichnen. Für „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ ist der Autor übrigens erst vor kurzem mit dem hochdotierten „International Dublin Literary Award“ ausgezeichnet worden.

 

Das Buch

 

Der Verlag C.H.Beck hat den Roman von Agualusa wunderschön gestaltet: So sind in den Innenseiten der Buchdeckel alle Orte der Handlung in farbigen Landkarten von Angola und Portugal verzeichnet. Auf dem Umschlagmotiv der gebundenen Ausgabe tauchen zudem zwei weitere fantastische Protagonisten des Romans auf: Ein Zwergflusspferd und ein Huhn. Die Übersetzung aus dem Portugiesischen kommt von Michael Kegler, der zuletzt mit dem Straelener Übersetzerpreis und den Hermann Hesse-Preis der Stadt Calw ausgezeichnet wurde. Außerdem findet sich am Ende des Buches ein Glossar mit den Ortschaften sowie mit den Begriffen und Personen der Handlung. Damit verleiht der Verlag dem erzählerischen Meisterwerk von José Eduardo Agualusa den passenden Rahmen. „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ ist ein aufregender, wertvoller und wirklich toller Roman!

 


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