Vergangenheitsbewältigung auf zwei Rädern und 5.476 Kilometern

 

Foto: Rainer Köhler
Foto: © Rainer Köhler

(David Coventry: „Die unsichtbare Meile“, Insel Verlag: Berlin, 2017.)

Dem neuseeländischen Autor David Coventry gelang mit seinem Debütroman „The Invisible Mile“ im Jahr 2015 gleich ein riesiger Erfolg. Der jetzt im Insel Verlag unter dem deutschen Titel „Die unsichtbare Meile“ erschienene Roman hielt sich  in Neuseeland monatelang in der Bestsellerliste und wurde inzwischen in mehr als 10 Sprachen übersetzt.

Coventry erzählt darin die Geschichte von fünf Rennradfahrern aus Neuseeland und Australien, die im Jahr 1928 als Außenseiter bei der Tour de France mitfahren: Dem ersten neuseeländischen Tour-Teilnehmer Harry Watson, seinen drei australischen Kompagnons Hubert Opperman, Percy Osborn und Ernie Bainbridge, die es wirklich gab, und dem fiktiven ebenfalls neuseeländischen Ich-Erzähler des Romans. Die Idee für die Handlung kam Coventry wohl nach einer Anfrage über Harry Watson, als Coventry noch in einem Filmarchiv arbeitete. Die Handlung des Romans wird aber nicht nur vom Renngeschehen bestimmt, sondern auch von der persönlichen Geschichte des Titelhelden. Durch diese Konstellation nimmt der 10 Jahre zuvor beendete Erste Weltkrieg eine zentrale Rolle im Roman ein. Das geschieht in Rückblenden und Erinnerungen des Ich-Erzählers von dessen Bruder Thomas, der Flieger im Ersten Weltkrieg war, und dessen Schwester Marya, die an den Folgen der Spanischen Grippe gestorben ist, sowie seiner Geliebten Celia, die als Lehrerin in Belgien die Gräueltaten der deutschen Armee miterlebt hat.

Coverfoto: Insel Verlag, Berlin.
Cover-Foto: © Insel Verlag
David Coventry:
„Die unsichtbare Meile“
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Insel Verlag, Berlin
D: 22,00 €
A: 22,70 €
CH: 31,50 sFr
Erschienen: 16.05.2017
Gebunden, 366 Seiten
ISBN: 978-3-458-17701-2
Auch als eBook erhältlich

Das ist viel Handlung für einen Roman mit 366 Seiten Länge. Und so stellte ich mir am Ende die Frage, ob Coventry die Handlung nicht überfrachtet hat, mit dem einen oder anderen Detail aus dem Ersten Weltkrieg oder der fiebrig geschilderten Schuldfrage am Tod der Schwester des Ich-Erzählers. Eine Frage, die ich aber ganz klar mit Nein beantworten kann, denn Coventry gelingt es mit Hilfe seines überragenden, poetischen Erzähltones die persönlichen, historischen und sportlichen Ereignisse des Romans genial miteinander zu verbinden. Und so hat der frühere Sounddesigner Coventry gleich in seinem ersten Roman den richtigen Ton getroffen, der auch in der Übersetzung von Volker Oldenburg „rüberkommt“. Denn, um die ganze Unerbittlichkeit und Härte eines Radrennens aus dem Jahre 1928 zu schildern, erzählt der Autor nicht nur die Leiden auf den 22 Etappen und 5.476 Kilometern nach Paris, über Schotterpisten und zahlreiche Bergpässe der höchsten Kategorie, sondern auch vom Schicksal der Fahrer, die damals weitgehend auf sich allein gestellt waren, unzählige Stürze und unglaubliche Qualen auf sich nehmen mussten, um ins Ziel zu gelangen. So erreichten 1928 nur 41 von 162 gestarteten Fahrern das Ziel und der spätere Gesamtsieger Nicolas Frantz fuhr auf einer Etappe auf einem Damenrad über die Ziellinie, das er sich unterwegs „leihen“ musste. Coventry schildert in seinem Roman darüber hinaus, dass die Fahrer auch damals nicht vor der Einnahme von Drogen zurückschreckten, allerdings eher, um ihre Schmerzen zu lindern, als ihre Leistung zu steigern. Außerdem war Rennradfahren in den 20er Jahren ein echter Existenzkampf. Die Fahrer kamen überwiegend aus der Arbeiter- und Bauernschaft und mussten von dem Wenigen leben, das sie auf der Tour verdienen konnten: „Berufsfahrer, für die jedes Rennen bedeutet, dass sie zu essen und einen Schlafplatz haben.“ Menschen also, die unmittelbar die Nachwirkungen und Krisen des Ersten Weltkrieges zu spüren bekamen. Das war die „Lost Generation“, wie Hemingway später schrieb.

Wer sich auf die Kraft der Bilder einlässt, die Coventry immer wieder heraufbeschwört, dürfte begeistert sein von der „Unsichtbaren Meile“. Der Sound seiner Sprache macht für mich jedenfalls die Handlungssprünge aus den Rückblenden und Perspektivwechseln der Erzählung wett. Coventrys Roman ist für mich eine Hommage an das Rennradfahren und die Helden eines Sports, dessen Mythos in der harten und entbehrungsreichen Zeit der 20er Jahre entstanden ist. Es ist ein Werk, für jeden ambitionierten Rennradfahrer mit Interesse an guter Literatur und alle Leser, die dieser harten Zeit nachspüren und wie die Rennfahrer im Roman das Treiben und den Lärm der Welt hinter sich lassen möchten: „Wir fahren in eine Stille, die nur wir erzeugen können.“


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2 Kommentare zu Vergangenheitsbewältigung auf zwei Rädern und 5.476 Kilometern

  1. Deine Besprechung verspricht einen Bilderreigen auf unterschiedlichen Ebenen. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, fahre ich oft genug durch eine innere, eine äußere und eine ganz und gar transzendente Welt mit persönlichen, sinnlichen, politischen, historischen, sozialen und natürlichen Assoziationen mit all den dazugehörigen Geräuschen, Bildern und Erkenntnissen, bis ich in einem völlig aufgeräumten Hier und Jetzt ankomme. Das Buch möchte ich lesen. Danke!

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