„Köhler trifft Buch“ – oder warum ich einen Literaturblog schreibe

© Dagmar Köhler
Rainer Köhler – Foto: © Dagmar Köhler

Noch einen Literaturblog schreiben?“ Diese Frage stellte ich mir natürlich auch. Schließlich ist die Zahl der Literaturblogs allein im deutschsprachigen Raum kaum noch zu überblicken und die Bloggerszene längst zu einem festen Bestandteil für die Öffentlichkeitsarbeit vieler Verlage geworden. Warum also einen weiteren Literaturblog betreiben beziehungsweise überhaupt über Literatur schreiben?

Schreiben, um damit Geld zu verdienen? Wohl kaum. Zwar werde auch ich irgendwann Werbung auf meinem Blog zulassen; aber viel Geld werde ich damit nicht verdienen können. Das ist auch nicht meine Intention. Mein Blog ist vielmehr ein Gesprächsangebot an jeden Leser. Denn als Mann, der die ersten 50 Jahre seines Lebens zurückgelegt hat, sehe ich einen gestiegenen Kommunikationsbedarf für unsere Welt. Vieles hat sich verändert, einiges zwar nicht zum Schlechten, aber dennoch müssen wir wohl konstatieren, dass unsere Erde mittlerweile vor unglaublich großen Herausforderungen steht. Die Menschheit ist innerhalb der letzten einhundert Jahre extrem gewachsen, unsere Erde erwärmt sich und unsere Gesellschaften driften – national wie international – immer weiter auseinander. Ich möchte in meinen Artikeln und Rezensionen also sprechen über Erfahrungen, neue und andere Sichtweisen und vielleicht sogar Lösungen für unsere in Aufruhr geratene Welt. Darüber müssen wir reden – auch weil wir selbst Teil der Ursachen sind. Die Gedanken und Ideen dafür finden wir in der Literatur – sowohl in der Belletristik, als auch im Sachbuch. Da bin ich mir sicher und deshalb schreibe ich einen Literaturblog.

Das soll keine Absage an andere Informationsquellen wie Hörfunk, Fernsehen, Tageszeitungen und Magazine oder Worldwide Web sein (ich arbeite selbst seit mehr als 20 Jahren als Redakteur und Social Media-Manager im Medienbereich). Wo es also hilfreich ist, werde ich auf Rezensionen, Querverweise und Empfehlungen (von euch?!) in anderen Informationskanälen hinweisen. Mein Schwerpunkt wird aber das „Buch“ sein. Denn wir „Büchermenschen“ lesen in Büchern – im Gegensatz zu den „schnelllebigen“ modernen Medien – langsam und konzentriert, blättern auch mal zurück, schauen in den Anmerkungsteil (soweit vorhanden) und vergleichen mit anderen Büchern und Meinungen. Hier bestimmen wir Auswahl und Tempo der Rezeption. So offenbaren sich Hintergründe im Detail und neue Zusammenhänge erschließen sich uns umfassender. Wirkliches Wissen kommt eben nicht von Google, sondern durchläuft einen Entwicklungsprozess. Erst wenn wir die wichtigsten Zusammenhänge kennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen, beginnen wir zu wissen. Das Ergebnis dieses Prozesses ist schließlich unsere eigene „Meinung“  und nicht eine (vorgegebene) „Überzeugung“, um es mit Friedrich Nietzsches Worten zu sagen. Außerdem regt die Literatur unsere Fantasie an. Letzteres gilt natürlich vor allem für die Belletristik.

Mit meinem Blog möchte ich meinen Lesern also Informationen zu neuen Büchern liefern, die ihnen im besten Fall dabei helfen, sich selbst und die Welt besser kennenzulernen. Das ist der aufklärerische Impuls für mein Vorhaben. Ganz im Sinne von Immanuel Kants Definition: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Alles weitere muss der Leser jedoch selbst tun. Denn die Meinungsbildung setzt Neugier, Beharrungsvermögen, Urteilskraft und nicht zuletzt auch den Mut voraus, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen („Sapere aude!“). „Selbst denken“ lautet also das Ziel! (Empfohlen sei an dieser Stelle das gleichnamige Buch von Harald Welzer, das ich demnächst in meinem Blog besprechen werde). Und dieses Ziel stellt in unserem „postfaktischen Zeitalter“ zugleich eine echte Herausforderung dar.

Foto: Dagmar Köhler
Rainer Köhler – Foto: © Dagmar Köhler

Ein zentraler Satz für das Streben nach Wissen und Erkenntnis stand am Eingang des Orakels von Delphi: „Erkenne Dich selbst.“ Denn alles Wissen und alle Aufklärung fängt schließlich bei uns selbst an. Und genau für diesen Blick nach „innen“ helfen uns Romane, Erzählungen, Dramen und Gedichte. Das Leben ihrer Helden und Heldinnen gibt uns ein Beispiel für unser eigenes Leben. So kommen uns die Hybris, die Zweifel, die Gier und die Zwänge denen Raskolnikow, Hamlet, MacBeth, Madame Bovary und Effi Briest unterworfen sind, oft nur allzu bekannt vor. Und selbst wenn ihr jeweiliges exemplarisches Leben weit über unser eigenes Leben hinausweisen sollte, lernen wir viel aus ihrer psychologischen Entwicklung, ihrer Läuterung oder ihrem Untergang. Ich werde also Klassiker, aber auch viele moderne Bücher rezensieren. Und: Es werden immer wieder einmal Fundstücke und Raritäten darunter sein, die nicht zum Mainstream des offiziellen Literaturbetriebes zählen. Ich möchte also auch „Entschleuniger und Trüffelschwein“ sein, wie es Sophie Weigand, von „Literaturen“, in der Frankfurter Neuen Presse so schön sagt.

Unser Leben und unsere Persönlichkeit werden neben dem „Inneren“ aber auch maßgeblich vom „Äußeren“ beeinflusst und bestimmt. Man muss gar nicht so weit blicken, um zu erkennen, dass ein kleiner Zufall ganz entscheidend für unsere Entwicklung als Mensch ist: Nämlich wann und wo wir auf die Welt kommen. Wächst ein Kind in einem prekären Umfeld auf, wird es deutlich schlechtere Entwicklungsmöglichkeiten für seine Zukunft vorfinden, als ein Kind aus einer wohlhabenden Familie mit hohem Bildungshintergrund.  „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“, so schrieb es schon Karl Marx in seinem Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ (hier in der populären Lesart zitiert). Sachbücher, die sich mit der Entwicklung und Erklärung von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Geschichte und Philosophie befassen, werden daher die zweite Säule meines Blogs sein. Aber auch das Schöne, Gute und Nützliche soll nicht zu kurz kommen. Auf „Köhler trifft Buch“ findet ihr also auch Bücher über Musik, Sport, Kochen und Backen, etc.

Lesen wir also! Wir können zwar nicht alles verstehen und wir können auch nicht alles wissen, aber wir können es versuchen, denn wir sind mehr als nur Konsumenten, Arbeitnehmer, Eltern, Bürger, etc.  – ich denke, die Welt wird es uns danken. Warum? Weil wir dadurch in jedem Fall kritischer, empathischer und einsichtiger werden. Und das ist gerade in postfaktischen Zeiten sehr wichtig.


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2 Kommentare zu „Köhler trifft Buch“ – oder warum ich einen Literaturblog schreibe

  1. Lieber Rainer,
    …. Sapere aude! … und darüber sprechen, damit aufgeklärte Gedanken zu ihrem Nutzen kommen können und nicht womöglich im stillen Kämmerlein vom postfaktischen Medienschwall wieder verwässert zu werden.
    Lesen wir also … und sprechen darüber … ich nehme das Gesprächsangebot gern an.
    Carsten

    1. Lieber Carsten,
      sehr schön, dann bin ich auf Deine Gedanken und Anmerkungen zu meinen Rezensionen sehr gespannt. Versuchen wir also genau hinzusehen, denn trotz der Nachrichtenschwemme und Bücherflut gibt es sehr viel Hervorragendes zu entdecken! Eine Kunst ist es, die richtigen Schätze zu heben und Anregungen für ein selbstbestimmtes Leben zu geben. Das ist mein ganz persönliches Ziel.

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